Gestern

Seit Jahren kreuzen sich unregelmäßig meine Wege mit jemanden aus dem “Gestern“ – aus einer Zeit, an die ich freiwillig nicht zurückdenke, eine Zeit, die mich oft in Unruhe bringt, weil mein Gedächtnis das ein oder andere verbirgt – um mich zu schützen. Aber dieser Jemand – nennen wir ihn Udo tauchte das ein oder andere Mal auf, wenn ich zur Pause ins Betreibsrestaurant oder zu einerbesprechung ging, lief er mir über den Weg – anfangs unsicher lächelnd, aber dann irgendwann hatten wir beide verstanden, warum wir uns so bekannt vorkamen – wir grüßten uns dann immer, wenn sich unser Weg kreuzte. So ging das über Jahre … vor ein paar Wochen saß ich mit einer Kollegin im Betriebsrestaurant – als mich jemand anstupste, als ich aufsah, schaute ich in Udos freundliches Gesicht, ein unbeschreibliches Lächeln, vielleicht weil es so vertraut ist – „sag‘ mal“, begann er „sollten wir nicht mal zusammen essen gehen und über alte Zeiten reden“ …. “Klar, gerne können wir machen!“  rutschte es über meine Lippen, bevor mein Hirn sich einschaltete – aber dieses Lächeln hatte irgendwie gewonnen. Meine Kollegin grinste, “wer war das denn?“ lachte sie, als er weiterging. “Ach, ein alter Schulkollege!“ versuchte ich auszuweichen  – “Ihr habt jetzt ein Date!“ entgegnete sie . “Date? nein, der ist verheiratet!“ und das folgende “Na und!“ überging ich einfach!! Versandte die Einladung zum Mittag (ich war die Einzige, die die heutigen Nachnamen kannte)  und dachte nicht weiter drüber nach.

Gestern fand dieses Mittagessen statt und ich hatte es eigentlich ausgeblendet, mich also nicht irgendwie schick gemacht, oder so, sondern sah aus wie immer …. Eine Stunde vor der Verabredung rief er an, um nachzufragen, ob es klappt und die Zeit nach vorne zu schieben – ich grinste innerlich und tatsächlich, als ich Punktum am Treffpunkt erschien, stand er schon da und wartete .Wir begrüßten uns wie alte Freunde, nahmen uns kurz in den Arm und machten uns auf den Weg ins Betriebsrestaurant. Füllten unsere Ausweise mit Geld auf , um dann aus der eichhaltigen Auswahl der Speisen auszuwählen. Hinter der Kasse trafen wir uns, fanden sehr schnell einen Platz ,an dem wir unter den vielen Menschen doch irgendwie alleine waren.  Die ersten Worte  galten dem “Wann war das nochmal wie?“ und er bemerkte, dass ich irgendwann von der Bildfläche verschwunden war – bevor er sich überwinden konnte mich zu fragen, ob ich mit ihm gehen wolle ?  (Manchmal hätte ich gern so eine Selfiekamera, die  solche Momente aus der Perspektive des andere festhält.) Das hat er nicht gesagt, oder? Gleitet sein prüfender Blick gerade über meine unberingten Finger?  Natürlich hatte ich vorher nachgesehen, wie sein  “Status“ ist, als Mitarbeiterin in der Personalabteilung gibt es keine Geheimnisse. Dieses Schweigen füllte ich dann mit plappernden bildreichen Erzählungen aus dieser Zeit – ich sprach über mein Gestern, als sei es ein Kapitel eines  Romans, der mit mir nichts zu tun hatte und freute mich darüber, dass ich  schmerzfrei und mit einem Lächeln berichten konnte. So lustig, wie er auf das blaue Auge aus der ersten Schulstunde  der neuen Schule reagierte – ich musste die Schule verlassen, beichtete ich ihm mit einem kecken Grinsen. Als er entgegnete, dass er das nicht fassen konnte, weil ich doch immer so freundlich, lieb und brav gewesen sei, dachte ich wie cool – mal von einem „fremden“ Menschen zu hören, wie ich eigentlich  in meiner Seelenuntergangszeit von nicht betroffenen Menschen gesehen wurde – alles was er überm ich sagte, sind Worte, die ich in der Bibel aus der Sicht Gottes über mich lese – aber er ein lebendiger Mensch bestätigte diese Aussagen. Ich war baff – so liebevoll hatte noch niemand mit mir überm eine Kindheit gesprochen. als ich meinen Bericht in kurzen Worten bis zum heute beendet hatte und ich nach seinem Werdegang fragte, sagte er, dass er gar nicht aufhören kann mir zuzuhören. Wie freundlich dieses Gestern doch war, es lud mich zu einem Kaffee ein, als es am Tisch enger wurde, weil mittlerweile noch mehr Mitarbeiter in das Betriebsrestaurant strömten und wir unsere Privatsphäre nicht mit anderen teilen wollten . Während die Barista den Kaffee zelebrierte schaute er mehrmals unruhig nach einem Platz, der gemütlich und ungestört sein sollte. Er hatte Fragen, die nicht von Fremden gehört werden sollte- er gab antworten, die ich nicht erwartet hätte – auch seine Kindheit war von Scham und Frust geprägt. jetzt wohlverdienend im Rückblick gesehen – eine Kindheit aus der er das Beste gemacht hatte – mit aller Kraft und allem Verstand. ein kleiner Spaziergang folgte – die Sonne verschwand und ein Platzregen führte dazu, dass er mich kurzerhand unter seine Fittiche nahm – also mit unter deiner Regenjacke verbarg – bis wir am Unterstand ankamen – erst das fiel mir auf, dass er im Gegensatz zu anderen Menschen, die größer sind als ich, sein Schrittmaß auf meines reduziert – er wich nicht von meiner Seite. Im Unterstand erzählte er dann, dass er 33 Jahre verheiratet ist und all seine Freunde nicht getrennt oder geschieden seien – er lebt in einer heilen Welt, darüber konnte ich mich herzlich freuen. Irgendwie konnte ich den Beschützerinstinkt spüren, den meine Geschichte in ihm weckte – ein angenehmes Gefühl – ein Gefühl von Geborgenheit – vertraut darauf wartend dass der Gewitterregen sich legte. Und tatsächlich, obwohl ich morgens noch mit dem Brustton der Überzeugung behauptete niemals die Treppen hier zu gehen, stieg ich drei Etagen neben ihm her hoffend, dass er meine Atemlosigkeit nicht mitbekam und die vierte Etage  erklomm ich auch begleitet von seinem Blick. Gerne würde ich das wiederholen, sagte ich auf seine Frage und nun sitz ich hier und lächle, warte darauf, dass eine Einladung kommt, damit ich das abscheuliche Gestern durch die Augen eines vertrauten Menschen sehen kann und Frieden schließe.

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Über maripoet

I follow the carpenter und lächle, wenn was schief geht - schließlich ist es ja schon passiert und nicht mehr zu ändern ... Es gibt so vieles bemerkenswertes, das wirklich Wert ist bemerkt zu werden und so schreibe ich mir von der Seele was auf ihr liegt, so wird sie leichter und ihr habt was zum grinsen oder denken - an sehr guten Tagen beides :-)
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